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Automobilindustrie — welcher Nachweis wann verlangt wird

Kein anderer Wirtschaftszweig verlangt so viele parallele Nachweise wie die Automobilindustrie. Wer als Zulieferer einsteigt, sollte die drei Verfahren auseinanderhalten — sie prüfen Verschiedenes und ersetzen sich nicht.

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Entwicklungsbüro eines Automobilzulieferers

Die Standards dieser Branche

Die Automobilindustrie hat ein eigenes Nachweissystem aufgebaut, das neben den ISO-Normen steht und teilweise darüber hinausgeht. Für Zulieferer bedeutet das: Die Frage lautet nicht „Sind wir zertifiziert?”, sondern „Haben wir den Nachweis, den dieser Kunde für diese Lieferung verlangt?”

Die drei Verfahren im Vergleich

IATF 16949TISAXVDA 6.3
GegenstandQualitätsmanagement in der SerienfertigungInformationssicherheitProzessqualität einzelner Prozesse
GrundlageEigener Standard auf Basis ISO 9001VDA ISA über ENX-PlattformVDA-Band 6.3
ErgebnisZertifikatLabel mit gezielter FreigabeAuditbewertung mit Punktzahl
Zyklus3 Jahre mit jährlicher Überwachung3 Jahre, keine ÜberwachungAnlass- oder turnusbezogen
Wer fordert esOEM und Tier-1 bei SerienteilenAlle mit Zugriff auf geschützte DatenOEM und Tier-1, oft anlassbezogen

Wer welchen Nachweis braucht

Serienteilelieferanten brauchen IATF 16949. Die Norm ist für Organisationen konzipiert, die seriennahe Teile für die Automobilproduktion fertigen — mit strengen Anforderungen an Fehlervermeidung, Kennzahlen und die Anwendung der Core Tools APQP, FMEA, SPC und MSA.

Alle mit Zugriff auf schützenswerte Informationen brauchen TISAX. Das betrifft weit mehr Unternehmen als nur Teilelieferanten: Entwicklungsdienstleister, IT-Dienstleister, Werbeagenturen mit Kenntnis unveröffentlichter Modelle, Prüfdienstleister, Logistiker mit Prototypentransport.

Lieferanten mit Prozessrisiken bekommen VDA 6.3 — häufig bei Neuanläufen, nach Qualitätsproblemen oder als turnusmäßige Lieferantenbewertung.

Die typische Reihenfolge

Für einen Zulieferer, der neu in die Branche einsteigt:

  1. ISO 9001 als Fundament. Ohne funktionierendes Qualitätsmanagementsystem ist alles Weitere nicht erreichbar.
  2. IATF 16949, sobald Serienlieferungen konkret werden. Die Erweiterung setzt auf dem bestehenden System auf.
  3. TISAX parallel, sobald der erste Kunde Entwicklungsdaten übergibt. Unabhängig vom Qualitätsstrang.
  4. VDA 6.3 anlassbezogen, meist auf Kundenanforderung.

Der häufigste Planungsfehler ist, alles gleichzeitig zu starten. IATF und TISAX beanspruchen unterschiedliche Bereiche — Produktion und Qualität einerseits, IT und Organisation andererseits — aber dieselbe knappe Ressource: die Aufmerksamkeit der Geschäftsführung.

Wie ein Teil tatsächlich freigegeben wird

Ein Zertifikat öffnet die Tür, liefert aber kein einziges freigegebenes Teil. Zwischen Zertifikat und erster Serienlieferung liegt eine eigene Kette, die im Audit ebenfalls geprüft wird.

Am Anfang steht die Lieferantenfreigabe. Der Kunde bewertet Sie als Organisation und nimmt Sie in seine Lieferantenliste auf. Erst danach beginnt die Arbeit am konkreten Teil: In der Projektphase strukturiert APQP die Entwicklung entlang definierter Phasen mit Freigabepunkten, begleitet von den übrigen Core Tools — FMEA für die Fehlervermeidung, MSA für die Tauglichkeit der Messmittel, SPC für die Prozessfähigkeit.

Vor der ersten Serienlieferung folgt die Bemusterung: Sie liefern Erstmuster zusammen mit einem Dokumentenpaket nach PPAP, das belegt, dass Ihr Prozess das Teil wiederholbar in der geforderten Qualität erzeugt. Erst die Serienfreigabe erlaubt den Abruf.

Der Fehler, der an dieser Stelle am meisten Geld kostet, ist immer derselbe: Die Bemusterung wird als Formsache eingeplant und zu spät begonnen. Sie setzt aber serienreife Werkzeuge, serienreife Prozesse und fähige Messmittel voraus. Wer sie mit Prototypenwerkzeugen bestreitet, bemustert ein zweites Mal — auf eigene Kosten und unter Termindruck.

Läuft im Serienbetrieb etwas aus dem Ruder, greift die Sonderfreigabe: eine befristete und mengenbegrenzte Erlaubnis, abweichende Teile zu liefern. Sie ist ein Notventil, kein Planungsinstrument. Wer sie mehrfach hintereinander für dieselbe Abweichung beantragt, dokumentiert damit, dass die Ursache nie behoben wurde — und liefert dem Auditor den Einstieg für seine nächste Frage.

Kundenspezifische Anforderungen sind kein Anhang

Kundenspezifische Anforderungen sind der Teil des Regelwerks, den Zulieferer am häufigsten unterschätzen. Jeder OEM und viele Tier-1 ergänzen die Norm um eigene Vorgaben: zu Kennzeichnung, Rückverfolgbarkeit, Reaktionszeiten bei Reklamationen, Freigabeverfahren, teilweise zu Softwareständen und Datenformaten.

Diese Vorgaben liegen im Lieferantenportal des jeweiligen Kunden und werden dort geändert, ohne dass jemand Sie anruft. Im IATF-Audit gehören sie zum Prüfumfang wie die Norm selbst. Der Auditor erwartet zwei Dinge: dass Sie sagen können, welche Fassung Sie umgesetzt haben, und dass Sie ein Verfahren haben, mit dem Sie von Änderungen erfahren. Ein Ordner mit den Dokumenten vom Tag der Lieferantenfreigabe erfüllt beides nicht.

Praktisch heißt das: eine benannte Person, ein fester Turnus, ein Nachweis über den letzten Abgleich. Bei mehreren Kunden lohnt eine Übersicht, welche Anforderung von wem kommt — sonst setzen Sie irgendwann für alle Kunden die schärfste Regel um und wundern sich über den Aufwand.

Was die Branche besonders macht

Der Auftraggeber setzt den Standard, nicht der Gesetzgeber. Keiner der drei Nachweise ist gesetzlich vorgeschrieben. Ohne sie erhalten Sie aber keine Lieferantenfreigabe — die Wirkung entspricht faktisch einer Pflicht.

Die Prüftiefe ist überdurchschnittlich. IATF-Audits sind strenger geregelt als übliche ISO-Audits: Es gibt besondere Regeln zur Auditorenqualifikation, zur Behandlung von Abweichungen und zum Entzug von Zertifikaten. Eine unbearbeitete Hauptabweichung führt schneller zum Zertifikatsentzug als bei ISO 9001.

Nachweise werden aktiv abgefragt. Lieferantenportale prüfen Zertifikatsgültigkeiten automatisch. Ein abgelaufenes Zertifikat fällt hier sofort auf — anders als in Branchen, in denen niemand nachschaut.

Wenn es schiefgeht

Die Branche eskaliert schneller und formeller als andere Wirtschaftszweige. Bei anhaltenden Qualitätsproblemen setzt der Kunde Sie auf eine Eskalationsstufe. Damit verbunden sind in der Regel verschärfte Berichtspflichten, zusätzliche Prüfungen auf Ihre Kosten und — auf den höheren Stufen — ein Verbot, sich um Neugeschäft zu bewerben. Der Umsatzschaden entsteht dann nicht am laufenden Teil, sondern an den Aufträgen, die Sie in dieser Zeit nicht bekommen.

Parallel dazu kann die Zertifizierungsstelle handeln. Die IATF-Regeln sehen unangekündigte Audits vor: Ein unangekündigtes Audit trifft Sie im Normalbetrieb, nicht am aufgeräumten Audittag. Sie zeigen dabei den Zustand, in dem Ihr System tatsächlich ist. Wer sein Managementsystem in den Wochen vor dem geplanten Termin herrichtet, fällt hier auf.

Für TISAX gilt eine eigene Logik. Das TISAX-Label ist an ein Assessment Level und einen konkreten Prüfumfang gebunden. Ein Label für den normalen Schutzbedarf hilft nicht weiter, wenn der Kunde Prototypenschutz verlangt — das ist ein anderer Prüfumfang und braucht ein eigenes Assessment. Vor der Beauftragung deshalb im Kundenportal nachsehen, welche Kombination aus Level und Umfang tatsächlich gefordert ist. Ein zu niedrig angesetztes Assessment merkt man erst, wenn die Freigabe ausbleibt.

Häufige Fragen

Brauche ich alle drei Nachweise?

Selten. Es hängt davon ab, was Sie liefern: Wer Serienteile fertigt, braucht IATF 16949. Wer mit Entwicklungsdaten oder Prototypen umgeht, braucht TISAX. VDA 6.3 wird als Prozessaudit von OEM und Tier-1 zusätzlich gefordert, oft anlassbezogen bei Neuanläufen oder Qualitätsproblemen. Ein Normteilelieferant ohne Datenzugriff braucht unter Umständen keinen davon.

Ersetzt IATF 16949 die ISO 9001?

Nein, sie setzt sie voraus. IATF 16949 ist als Ergänzung zur ISO 9001 konzipiert und ohne deren Erfüllung nicht erreichbar. Die Zertifizierung erfolgt allerdings in einem Verfahren — Sie brauchen kein separates ISO-9001-Zertifikat, wenn IATF zertifiziert wird, es sei denn, ein anderer Kunde verlangt es ausdrücklich.

In welcher Reihenfolge sollte man vorgehen?

Erst das Qualitätsmanagementsystem nach ISO 9001 aufbauen, dann auf IATF 16949 erweitern, wenn Serienfertigung ansteht. TISAX läuft parallel und unabhängig — es prüft Informationssicherheit, nicht Qualität. Wer beides zugleich startet, überfordert die interne Kapazität meist erheblich.

Was ist ein Prozessaudit nach VDA 6.3?

Eine Bewertung einzelner Prozesse anhand eines Fragenkatalogs mit Bewertungsschema — von der Projektierung über Produktionsplanung und Serienproduktion bis zur Kundenbetreuung. Es ist kein Zertifizierungsverfahren mit dreijährigem Zyklus, sondern ein Audit, das der Kunde selbst oder ein beauftragter Auditor durchführt, häufig anlassbezogen.

Wer zahlt bei einem vom Kunden geforderten Audit?

In aller Regel der Lieferant. Nachweise gelten als Voraussetzung für die Lieferantenfreigabe und damit als Teil des Geschäfts. Bei anlassbezogenen Audits nach Qualitätsproblemen wird die Kostenfrage manchmal verhandelt — vorbeugend geregelt ist sie selten.

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