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Gesundheit und Medizinprodukte — wo Zertifizierung keine Wahl ist

Im Gesundheitsbereich ist Zertifizierung selten eine Marktentscheidung. Meistens ist sie Voraussetzung dafür, das Produkt überhaupt in Verkehr bringen oder die Leistung abrechnen zu dürfen.

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Mitarbeiterin prüft ein Bauteil in einer Reinraumumgebung

Die Standards dieser Branche

Im Gesundheitswesen greifen Zertifizierung, Akkreditierung und gesetzliche Zulassung ineinander. Wer die Ebenen verwechselt, kauft den falschen Nachweis — und merkt es, wenn ein Kostenträger oder eine Behörde ihn zurückweist.

Wer welchen Nachweis braucht

AkteurNachweisCharakter
MedizinprodukteherstellerISO 13485 plus MDR-KonformitätsbewertungFaktisch verpflichtend für den Marktzugang
Zulieferer und AuftragsfertigerISO 13485Vom Hersteller gefordert
Medizinische LaboreISO 15189Akkreditierung, keine Zertifizierung
Prüflabore ohne PatientenbezugISO 17025Akkreditierung
KrankenhäuserKTQ oder vergleichbare VerfahrenFreiwillig, teils von Trägern gefordert
VertragsarztpraxenQM nach G-BA-RichtlinieGesetzliche Pflicht, aber ohne Zertifikatszwang
Dienstleister im KlinikumfeldISO 9001, teils ISO 13485Vom Auftraggeber gefordert

Die drei Ebenen auseinanderhalten

Zulassung. Rechtliche Voraussetzung dafür, ein Produkt in Verkehr zu bringen. Bei Medizinprodukten läuft das über die Konformitätsbewertung nach MDR, je nach Risikoklasse unter Einbindung einer Benannten Stelle.

Zertifizierung. Bestätigung eines Managementsystems durch eine Zertifizierungsstelle. ISO 13485 ist hier der Standard — sie ist die Grundlage, auf der die Konformitätsbewertung aufsetzt, ersetzt sie aber nicht.

Akkreditierung. Bestätigung fachlicher Kompetenz für konkrete Verfahren. Für Labore der maßgebliche Weg, nicht die Zertifizierung. Mehr dazu unter Akkreditierung.

Was die Benannte Stelle tatsächlich prüft

Hersteller unterschätzen regelmäßig, dass die Benannte Stelle zwei getrennte Dinge bewertet — und beide tragen müssen.

Das erste ist Ihr Qualitätsmanagementsystem. Das läuft als Audit ab und ähnelt einer ISO-13485-Zertifizierung, hat aber einen regulatorischen Blickwinkel: Geprüft wird auch, ob Ihre Verfahren die Pflichten der Verordnung abbilden — Meldewesen, Marktbeobachtung, Anzeige von Änderungen.

Das zweite ist die technische Dokumentation zum Produkt. Sie wird inhaltlich bewertet, je nach Risikoklasse vollständig oder stichprobenweise über die Produktgruppen hinweg. Hier entscheidet sich der Marktzugang, und hier entstehen die längsten Schleifen: Nachforderungen werden schriftlich beantwortet und anschließend erneut bewertet. Jede Runde kostet Wochen.

Dazu kommen unangekündigte Audits beim Hersteller und bei kritischen Zulieferern. Ein unangekündigtes Audit zeigt den Zustand des Normalbetriebs. Wer sein System auf Termine hin herrichtet, fällt hier auf — und bei einem Zulieferer, der nichts davon weiß, gleich mit.

Woran Hersteller hängenbleiben

Die klinische Bewertung. Der häufigste Grund für lange Verfahren. Verlangt ist der Beleg, dass Nutzen und Sicherheit des Produkts durch klinische Daten gestützt sind. Der Verweis auf ein gleichartiges Produkt am Markt trägt seit der MDR seltener als früher, weil der Zugang zu dessen Daten nachgewiesen werden muss.

Die Marktbeobachtung nach dem Inverkehrbringen. Sie ist kein Postfach für Beschwerden, sondern ein geplantes System: benannte Datenquellen, fester Auswertungsturnus, definierte Schwellen für das Eingreifen und die Rückkopplung der Erkenntnisse in Risikomanagement und klinische Bewertung.

Prozessvalidierung. Für Prozesse, deren Ergebnis sich am fertigen Produkt nicht vollständig prüfen lässt — Sterilisation, Reinraumfertigung, Kleben, Schweißen, Softwareherstellung — verlangt ISO 13485 eine Validierung. Eine Endprüfung ersetzt sie nicht.

Lieferantenüberwachung. Die Verantwortung für zugekaufte Teile und ausgelagerte Prozesse bleibt bei Ihnen. Ein Lieferant, der einmal freigegeben und danach nie wieder bewertet wurde, ist eine sichere Feststellung.

Rückverfolgbarkeit. Jedes Produkt muss eindeutig identifizierbar und bis zur Charge rückverfolgbar sein, bei implantierbaren Produkten bis zum Empfänger. Das ist eine Anforderung an Ihre Systeme, nicht an Ihre Ordner.

Für Labore, Kliniken und Praxen

Für medizinische Labore gilt die Logik der Akkreditierung: Kompetenz wird verfahrensweise bestätigt. ISO 15189 bezieht dabei ausdrücklich die Präanalytik und die Postanalytik ein — Probengewinnung, Transport, Lagerung, Befundübermittlung und Beratung. Genau dort liegen die meisten Fehlerquellen, nicht am Analysegerät. Ein Labor, das nur seine Messverfahren im Griff hat, erfüllt die Norm nicht.

Kliniken und Praxen bewegen sich in einer dritten Welt. Es gibt eine gesetzliche Pflicht zum Qualitätsmanagement, aber keinen Zwang zu einem Zertifikat. Ob sich eine freiwillige Zertifizierung lohnt, entscheidet allein die Frage, wer danach fragt — Träger, Kostenträger, Kooperationspartner oder niemand. Wer sie ohne diesen Adressaten beauftragt, kauft ein Papier ohne Empfänger.

Was den Bereich schwierig macht

Die Auditorenverfügbarkeit. Auditoren mit Medizinproduktekenntnis sind knapp und entsprechend teuer. Termine brauchen Vorlauf, kurzfristige Verschiebungen sind schwer zu kompensieren.

Die Dokumentationstiefe. ISO 13485 verlangt dokumentierte Verfahren an Stellen, an denen ISO 9001 seit 2015 Freiheit lässt. Dazu kommen Produktakten, Validierungen und Rückverfolgbarkeit bis zur Charge.

Änderungen sind teuer. Was in anderen Branchen als Prozessverbesserung gilt, ist hier ein bewertungs- und validierungspflichtiger Eingriff. Das bremst — bewusst.

Regulatorik ändert sich. Übergangsfristen, Kapazitäten der Benannten Stellen und Anforderungen an die technische Dokumentation entwickeln sich weiter. Wer sich auf einen einmal erreichten Stand verlässt, gerät in Verzug.

Reihenfolge für Hersteller

  1. Regulatorische Einordnung klären. Ist Ihr Produkt ein Medizinprodukt, und in welche Risikoklasse fällt es? Diese Frage entscheidet über alles Weitere.
  2. Qualitätsmanagementsystem nach ISO 13485 aufbauen.
  3. Risikomanagement nach ISO 14971 parallel — es ist untrennbar mit dem System verbunden.
  4. Technische Dokumentation erstellen.
  5. Konformitätsbewertung mit der Benannten Stelle, soweit die Risikoklasse es verlangt.

Der häufigste Fehler ist, mit Schritt 2 zu beginnen, ohne Schritt 1 sauber geklärt zu haben. Eine falsche Klasseneinordnung wirkt sich auf jedes folgende Dokument aus.

Häufige Fragen

Welcher Nachweis gilt für welchen Akteur?

Hersteller von Medizinprodukten arbeiten nach ISO 13485 und benötigen für die CE-Kennzeichnung ein Konformitätsbewertungsverfahren nach MDR. Medizinische Labore werden nach ISO 15189 akkreditiert. Krankenhäuser und Praxen nutzen KTQ oder branchenspezifische QM-Verfahren; für Vertragsarztpraxen gilt zusätzlich die Qualitätsmanagement-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses.

Reicht ISO 9001 im Gesundheitsbereich?

Für Hersteller und Labore nicht. ISO 9001 kennt weder die regulatorischen Bezüge der MDR noch die Kompetenzanforderungen an Laborverfahren. Für Dienstleister ohne Produkt- oder Laborbezug — etwa Reinigungs- oder Logistikdienstleister im Klinikumfeld — kann ISO 9001 dagegen genau der richtige Nachweis sein.

Was ist der Unterschied zwischen Zertifizierungsstelle und Benannter Stelle?

Die Zertifizierungsstelle prüft das Managementsystem gegen eine Norm. Die Benannte Stelle ist im Rahmen der MDR für die Konformitätsbewertung von Produkten benannt und arbeitet auf gesetzlicher Grundlage. Beide Rollen können in einer Organisation liegen, sind aber verschiedene Verfahren mit verschiedenen Rechtsfolgen.

Warum werden Labore akkreditiert und nicht zertifiziert?

Weil bei Laboren nicht das Managementsystem den Ausschlag gibt, sondern die fachliche Kompetenz für konkrete Prüfverfahren. Die Akkreditierung nach ISO 15189 oder ISO 17025 listet die Verfahren einzeln auf. Ein Zertifikat über ein Qualitätsmanagementsystem sagt darüber nichts aus — Auftraggeber und Kostenträger akzeptieren es entsprechend nicht als Kompetenznachweis.

Wie lange dauert eine Zertifizierung im Medizinproduktebereich?

Länger als in anderen Branchen. Zur üblichen Aufbau- und Nachweisphase kommen die knappe Verfügbarkeit qualifizierter Auditoren und bei MDR-Verfahren die Kapazitätslage der Benannten Stellen. Planen Sie deutlich mehr Vorlauf ein als bei einer ISO-9001-Zertifizierung.

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