Branche

Bau und Metall — welcher Nachweis wirklich Pflicht ist

In dieser Branche stehen zwei völlig verschiedene Arten von Nachweisen nebeneinander: einer, ohne den Sie ein Bauteil nicht verkaufen dürfen, und mehrere, die nur im Vertrag stehen. Wer sie in einen Topf wirft, zahlt entweder für Zertifikate, die niemand fordert, oder liefert ohne den einen, der zwingend ist.

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Schweißfachkraft prüft eine Schweißnaht an einem Stahlbauteil

Die Standards dieser Branche

Bau und Metall ist die einzige der hier behandelten Branchen, in der ein Nachweis unmittelbar über den Marktzugang entscheidet. Wer tragende Bauteile aus Stahl oder Aluminium herstellt, braucht dafür ein CE-Zeichen — und die Grundlage dafür ist eine zertifizierte werkseigene Produktionskontrolle nach EN 1090. Alles andere in dieser Branche steht in Verträgen, nicht im Gesetz.

Pflicht, Vertrag, Ausschreibung — die Nachweise auseinandergehalten

NachweisWer ihn verlangtCharakterGegenstand
EN 1090Bauproduktenrecht, kontrolliert von Bauaufsicht und AuftraggeberVoraussetzung für die CE-KennzeichnungTragende Bauteile aus Stahl und Aluminium
ISO 3834Auftraggeber aus Anlagen-, Behälter-, Maschinen- und RohrleitungsbauFreiwillig, vertraglich gefordertDer Prozess Schweißen
DIN 14675Ausschreibungen, Brandschutzkonzepte, BetreiberFaktisch verbindlich über Vertrag und BauordnungsrechtBrandmelde- und Sprachalarmanlagen, je Phase
SCCBetreiber in Chemie, Energie, Stahl, PapierFreiwillig, aber ZugangsvoraussetzungArbeitssicherheit auf fremdem Werksgelände
DIN 77200Öffentliche VergabestellenFreiwillig, oft TeilnahmevoraussetzungSicherheitsdienstleistungen am Objekt

Nur die erste Zeile ist eine Rechtspflicht. Die übrigen wirken wie eine, sobald der jeweilige Markt sie fordert — der Unterschied zeigt sich erst, wenn Sie den Kunden wechseln.

EN 1090 zertifiziert Ihre Fertigungskontrolle, nicht Ihr Produkt

Der Satz „wir sind nach EN 1090 zertifiziert“ verkürzt die Sache in einer Weise, die im Streitfall gegen den Betrieb arbeitet. Zertifiziert wird die werkseigene Produktionskontrolle, und zwar durch eine notifizierte Stelle — nicht durch eine gewöhnliche Zertifizierungsstelle für Managementsysteme. Auf dieser Grundlage stellen Sie anschließend selbst eine Leistungserklärung für das konkrete Bauteil aus und bringen das CE-Zeichen an.

Die Erklärung über das Produkt geben also Sie ab. Die Haftung dafür bleibt im Betrieb und wandert nicht zur Zertifizierungsstelle. Deshalb ist eine formal fehlerhafte Leistungserklärung — falsche Ausführungsklasse, fehlende Kennnummer der Stelle, unpassende erklärte Leistungen — kein Formfehler, sondern entwertet das CE-Zeichen.

Den Aufwand bestimmt die Ausführungsklasse. EXC1 deckt einfache Bauteile mit geringen Versagensfolgen ab, EXC2 den üblichen Hoch- und Gewerbebau, EXC3 dynamisch beanspruchte Bauwerke mit erhöhten Folgen, EXC4 den Bereich mit sehr schweren Folgen. Mit der Klasse steigen Prüfumfang, Nahtqualität, Toleranzanforderungen und die geforderte Qualifikationsstufe der Schweißaufsicht.

Der entscheidende Punkt für die Kalkulation: Die Klasse legt nicht der ausführende Betrieb fest, sondern die Tragwerksplanung. Sie gehört in die Ausschreibung. Fehlt sie dort, ist das ein Mangel der Ausschreibung und keine Einladung, selbst zu entscheiden. Wer für EXC2 zertifiziert ist und einen EXC3-Auftrag annimmt, fertigt außerhalb seines Geltungsbereichs — und merkt es meist erst, wenn die Prüfprotokolle nicht zum geforderten Umfang passen.

Wo EN 1090 aufhört und ISO 3834 anfängt

Beide Normen tauchen fast immer zusammen auf, prüfen aber Verschiedenes, und die Vermischung ist der häufigste Denkfehler im Metallbau.

EN 1090 regelt das Bauteil und den Weg auf den Markt. Sie gilt nur für Tragwerke aus Stahl und Aluminium, sie endet an der Grenze des Bauproduktenrechts, und ihr Ergebnis ist die Berechtigung zum CE-Zeichen.

ISO 3834 regelt den Prozess Schweißen. Sie ist branchenunabhängig, kennt keine Bauteilgrenze und beschreibt in drei Stufen, welche Nachweise ein schweißender Betrieb führen muss: qualifizierte Schweißverfahren, daraus abgeleitete Schweißanweisungen am Arbeitsplatz, gültige Schweißerprüfungen, Werkstoffrückverfolgbarkeit, Prüfung und Nacharbeit.

Die Verbindung zwischen beiden ist die Ausführungsklasse: EN 1090-2 verlangt je Klasse eine bestimmte schweißtechnische Anforderungsstufe, und diese Stufen entsprechen denen der ISO 3834. Für die CE-Kennzeichnung genügt es deshalb, dass diese Anforderungen im Rahmen der Zertifizierung der werkseigenen Produktionskontrolle geprüft werden. Ein eigenes ISO-3834-Zertifikat brauchen Sie dafür nicht.

Gebraucht wird es, sobald Sie schweißen, was kein Bauprodukt ist: Behälter, Apparate, Rohrleitungen, Maschinenrahmen, Sonderkonstruktionen für die Industrie. Dort greift EN 1090 nicht, der Auftraggeber will aber trotzdem wissen, ob Ihr Schweißprozess beherrscht ist. Ein Betrieb mit gemischtem Auftragsbestand führt deshalb oft beides — nicht aus Doppelung, sondern weil er zwei Märkte bedient.

Die Schweißaufsicht verlässt mit der Person den Betrieb

Beide Nachweise setzen eine benannte Schweißaufsichtsperson voraus, deren Aufgaben und Verantwortung sich nach ISO 14731 richten. Dieser Punkt wird in Zeitplänen regelmäßig unterschätzt, weil er als Organigrammfrage gelesen wird. Er ist eine Personalfrage.

Die Qualifikation ist personengebunden. Sie wird durch Ausbildung und Prüfung erworben, sie steht auf einem Zeugnis, das der Person gehört, und sie geht mit ihr, wenn sie kündigt. Ein Betrieb, dessen Nachweis an einer einzigen Person hängt, verliert mit deren Weggang die Grundlage für Zertifikat und Leistungserklärungen. Der Aufbau einer gleichwertigen Ersatzperson dauert deutlich länger als jede Dokumentationserstellung — sie ist im Zeitplan einer Erstzertifizierung praktisch immer der längste Posten.

Zwei Folgefragen entscheiden über die Belastbarkeit der Lösung. Erstens die Vertretung: Eine Regelung, die auf jemanden ohne die geforderte Qualifikationsstufe zeigt, hält im Audit nicht stand. Urlaub, Krankheit und Elternzeit sind planbare Zustände, und die Stelle fragt danach. Zweitens die externe Lösung: Ein extern beauftragter Schweißfachingenieur ist zulässig, muss aber tatsächlich im Betrieb präsent und für die Freigaben erreichbar sein. Ist er es nicht, übernimmt faktisch der Meister die Aufgaben, ohne dafür befugt zu sein — eine der häufigsten Feststellungen überhaupt.

Ähnlich still läuft ein zweiter Nachweis aus: Schweißerprüfungszeugnisse brauchen die regelmäßige Bestätigung durch die Schweißaufsicht. Ohne sie verlieren gültige Zeugnisse ihre Wirkung, ohne dass jemand eine Meldung bekommt.

Brandmeldeanlagen: Das Zertifikat gilt je Phase

Für Elektro- und Sicherheitstechnikbetriebe ist DIN 14675 der Nachweis, der über die Teilnahme an Ausschreibungen entscheidet. Ihre Besonderheit: Zertifiziert wird ein Fachfirmennachweis je Phase des Anlagenlebenszyklus — Konzeption, Planung, Projektierung, Montage, Inbetriebsetzung, Abnahme, Instandhaltung, Änderung —, nicht der Betrieb im Ganzen.

Ein Unternehmen kann für Montage und Inbetriebsetzung zertifiziert sein und für Planung nicht. Das ist der Normalfall. Für Anbieter heißt das: Zertifikat gegen den ausgeschriebenen Phasenumfang halten, bevor kalkuliert wird. Für Ausschreibende heißt es: Phasen benennen, sonst ist die Forderung nicht prüfbar. Wie man eine unscharf formulierte Nachweisforderung auflöst, beschreibt der Beitrag dazu, was Ihr Auftraggeber tatsächlich fordert.

Der Engpass ist auch hier eine Person: die verantwortliche Fachkraft mit nachgewiesener Fachkunde für die zertifizierten Phasen, samt gleichwertiger Vertretung. Und der Projektabschluss hängt an einer Instanz, die in keiner Norm steht: Die örtliche Brandschutzdienststelle gibt eigene technische Anschlussbedingungen für die Aufschaltung auf ihre Leitstelle vor — zu Bedienfeld, Schlüsseldepot, Zugängen und Feuerwehrlaufkarten. Diese Bedingungen sind örtlich unterschiedlich. Wer sie erst nach der Montage liest, baut nach, und das Objekt geht nicht in Betrieb.

SCC entscheidet über das Werkstor, nicht über den Auftrag

SCC ist kein Qualitäts-, sondern ein Arbeitssicherheitsnachweis, und er ist eng auf eine Situation zugeschnitten: eigene Leute arbeiten auf fremdem Betriebsgelände. Betreiber in Chemie, Petrochemie, Energie, Stahl und Papier verlangen ihn in der Präqualifikation von jedem Kontraktor. Ohne SCC kommt der Betrieb nicht auf die Bieterliste und in vielen Werken nicht durch die Toranmeldung.

Anders als eine Managementsystemnorm arbeitet SCC mit einem festen Fragenkatalog und verlangt zusätzlich personenbezogen geprüftes Personal — operativ Tätige und operativ Führende mit jeweils eigener Prüfung. Diese Nachweise laufen ab und wandern beim Stellenwechsel mit der Person. Für einen Montagebetrieb mit Fluktuation und Leihkräften ist das der eigentliche Daueraufwand, nicht das Audit.

Welcher Betrieb braucht was

Schlosserei ohne tragende Bauteile. Keine EN 1090. Möbel, Vitrinen, Verkleidungen ohne Tragfunktion und gestalterische Elemente fallen nicht unter das Bauproduktenrecht. Die Grenzfälle sind Geländer: Ein Geländer mit Absturzsicherungsfunktion trägt Lasten und fällt darunter, ein rein gestalterisches nicht. Im Zweifel entscheidet die statische Funktion, nicht der Name des Bauteils.

Metallbaubetrieb im Hochbau. EN 1090 mit dem Geltungsbereich, den die Aufträge tatsächlich verlangen. Meist EXC2, meist Stahl. Aluminium und EXC3 nur beantragen, wenn es Aufträge dafür gibt — beides erhöht den laufenden Aufwand dauerhaft, nicht nur die Auditkosten.

Betrieb mit zwei bis drei tragenden Teilen im Jahr. Rechnen statt zertifizieren. Der Aufwand entsteht nicht im Audit, sondern laufend in der Fertigung: Schweißerprüfungen gültig halten, Verfahrensprüfungen pflegen, Werkstoffe rückverfolgbar halten, Prüfungen dokumentieren. Zukauf beim zertifizierten Betrieb ist oft die günstigere Lösung.

Apparate-, Behälter- und Rohrleitungsbau. ISO 3834 statt EN 1090, weil das Bauproduktenrecht hier nicht greift, der Auftraggeber aber einen Schweißnachweis fordert.

Industriemontage und Instandhaltung. SCC zuerst, alles andere danach. Ohne den Nachweis gibt es keinen Zugang zum Gelände, auf dem die Arbeit stattfindet.

Errichter von Brandmeldeanlagen. DIN 14675 für genau die Phasen, die Sie anbieten wollen — und die Fachkraft dafür, bevor die Ausschreibung veröffentlicht wird.

Der Fehler, der am meisten kostet

Er passiert vor dem Angebot, nicht im Audit: Der Auftrag wird kaufmännisch geprüft, aber niemand gleicht ab, ob Ausführungsklasse, Werkstoff, Blechdicke, Nahtform und geforderte Prüftiefe von den vorhandenen Verfahrens- und Schweißerprüfungen gedeckt sind. Der Geltungsbereich einer Schweißverfahrensprüfung ist deutlich enger, als er sich anfühlt.

Auffällig wird das nicht bei der Zusage, sondern bei der Abnahme — wenn das Bauteil steht und die Nachweiskette dazu fehlt. Nacharbeit betrifft dann Prüfumfang und Nahtqualität rückwirkend, und das ist der Punkt, an dem Metallbaubetriebe in dieser Branche tatsächlich Geld verlieren. Welche Stelle für welchen Nachweis überhaupt zuständig ist, klärt die Übersicht zur Zertifizierungsstelle.

Häufige Fragen

Braucht jede Schlosserei eine EN-1090-Zertifizierung?

Nein. Entscheidend ist, ob Sie tragende Bauteile aus Stahl oder Aluminium herstellen und in Verkehr bringen. Wer Vitrinen, Möbel, Verkleidungen oder rein gestalterische Elemente fertigt, fällt nicht darunter. Auch wer tragende Teile ausschließlich montiert, aber nicht selbst herstellt, braucht den Nachweis nicht — die Kennzeichnungspflicht trifft den Hersteller des Bauteils, nicht den Monteur.

Reicht ISO 9001 für einen Metallbaubetrieb?

Für die CE-Kennzeichnung nicht. ISO 9001 ist eine freiwillige Managementsystemnorm ohne bauproduktenrechtliche Wirkung, und die Stelle, die sie ausstellt, ist dafür nicht notifiziert. Sie ersetzt weder die werkseigene Produktionskontrolle noch einen schweißtechnischen Nachweis. Umgekehrt ersetzt EN 1090 auch kein Qualitätsmanagementsystem — die Norm betrachtet nur den Ausschnitt, der die Bauteileigenschaften bestimmt.

Brauche ich EN 1090 und ISO 3834 gleichzeitig?

Für die CE-Kennzeichnung genügt EN 1090. Die schweißtechnischen Anforderungen werden im Rahmen der werkseigenen Produktionskontrolle mitgeprüft, ein separates Zertifikat ist dafür nicht nötig. Verlangt wird ein eigenständiges ISO-3834-Zertifikat vor allem außerhalb des Bauwesens: im Anlagen-, Behälter- und Maschinenbau, wo EN 1090 nicht greift, der Auftraggeber aber einen Schweißnachweis will.

Was passiert, wenn die Schweißaufsichtsperson kündigt?

Dem Nachweis fehlt damit die Grundlage. Die Qualifikation hängt an der Person, nicht am Betrieb, und ohne benannte, qualifizierte und tatsächlich verfügbare Schweißaufsicht ist weder EN 1090 noch ISO 3834 aufrechtzuerhalten. Eine Vertretungsregelung hilft nur, wenn die benannte Vertretung dieselbe Qualifikationsstufe hat. Der Aufbau einer Ersatzperson dauert Monate bis Jahre.

Was bedeutet „nach DIN 14675 zertifiziert“?

Ohne Angabe der Phasen nichts Belastbares. Die Norm teilt den Lebenszyklus einer Brandmeldeanlage in Abschnitte von der Konzeption bis zur Instandhaltung, und die Zertifizierung wird je Abschnitt erteilt. Ein Betrieb kann für Montage und Inbetriebsetzung zertifiziert sein und für Planung nicht. Prüfen Sie in Ausschreibung und Zertifikat immer die Phasenliste, nicht nur die Normnummer.

Wer fordert SCC im Bauumfeld?

Nicht der Gesetzgeber, sondern die Betreiber von Industrieanlagen. Chemieparks, Raffinerien, Kraftwerke und Stahlwerke verlangen den Nachweis in der Präqualifikation von jedem Auftragnehmer, dessen Leute auf ihr Gelände fahren. Für einen Metallbaubetrieb, der ausschließlich auf Baustellen im Hochbau arbeitet, taucht SCC dagegen praktisch nie in einer Ausschreibung auf.

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