EN 9100

EN 9100 — QM für die Luftfahrt

EN 9100 enthält die ISO 9001 vollständig und legt die Anforderungen der Luft- und Raumfahrt darüber. Der entscheidende Unterschied liegt aber nicht im Normtext, sondern im Zertifizierungsschema: Auditergebnisse landen in einer Datenbank, die Ihre Kunden einsehen.

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Fertigung von Präzisionsbauteilen in einer Werkhalle

EN 9100 ist der Qualitätsstandard für Betriebe, die Teile, Baugruppen oder Entwicklungsleistungen für Luftfahrt, Raumfahrt und Verteidigung liefern. Sie enthält die ISO 9001 vollständig und ergänzt sie um Anforderungen, die aus der Sicherheitslogik der Branche stammen: Ein Bauteil, das im Flug versagt, lässt sich nicht zurückrufen.

Herausgeber der Inhalte ist die International Aerospace Quality Group, ein Zusammenschluss von Herstellern und Zulieferern. In Europa erscheint der Standard als EN 9100, in Amerika als AS9100, in Japan als JISQ 9100 — inhaltsgleich, damit ein Zertifikat weltweit gilt.

Wer den Standard unterschätzt, unterschätzt meist nicht den Normtext, sondern das Schema drumherum. EN 9100 wird nicht wie eine gewöhnliche ISO-Norm auditiert. Auditoren brauchen eine eigene Zulassung, die Auditmethodik ist vorgeschrieben, und die Ergebnisse werden in einer Datenbank geführt, in die Ihre Kunden hineinsehen können.

Was EN 9100 zusätzlich zur ISO 9001 verlangt

Die Ergänzungen sind kein Feinschliff. Sie betreffen Bereiche, die in einem ISO-9001-System typischerweise gar nicht existieren.

ZusatzforderungWas dahintersteckt
KonfigurationsmanagementJederzeit belegen können, welcher Stand von Zeichnung, Software und Bauteil zusammengehört — über die gesamte Lebensdauer
ProduktsicherheitBenannte Verantwortung, Bewertung sicherheitskritischer Merkmale, Meldewege bei Verdacht auf Sicherheitsmängel
Vermeidung gefälschter TeileBeschaffung nur aus zugelassenen Quellen, Prüfung und Nachweisführung bei Broker-Ware
Besondere MerkmaleKennzeichnung von Merkmalen, deren Abweichung die Funktion gefährdet, bis in die Fertigungsunterlagen hinein
ErstmusterprüfungVollständiger Nachweis, dass der erste Serienteilesatz alle Vorgaben erfüllt — dokumentiert nach festem Formularsatz
SonderprozesseQualifizierte Verfahren und qualifiziertes Personal für Prozesse, deren Ergebnis nicht zerstörungsfrei prüfbar ist
Projektmanagement und RisikoPlanung, Meilensteine, Reifegrad und Risikobewertung als geforderte Praxis, nicht als freiwillige Methode
Verlagerung von ArbeitGeplanter, überwachter Prozess für die Verlagerung von Fertigung an andere Standorte oder Lieferanten
LeistungskennzahlenTermintreue und Qualitätsleistung werden gemessen, gemeldet und bei Verfehlung mit Maßnahmen unterlegt
Menschliche FaktorenUrsachenanalyse muss menschliche Einflussfaktoren einbeziehen, nicht nur Prozess- und Technikfehler
ObsoleszenzVorsorge für Bauteile und Werkstoffe, die während der Produktlebensdauer abgekündigt werden

Die Erstmusterprüfung ist der Punkt, an dem die meisten Neueinsteiger stolpern. Sie ist kein Prüfbericht, sondern eine lückenlose Zuordnung: jedes Maß und jede Anforderung der Zeichnung, einzeln nummeriert, jeweils mit Prüfmittel, Messwert und Verantwortlichem. Wird eine Zeichnung geändert, das Werkzeug getauscht oder die Fertigung verlagert, wird sie ganz oder teilweise wiederholt.

Für wen sich EN 9100 lohnt — und für wen nicht

Sie lohnt sich, wenn Luftfahrt-, Raumfahrt- oder Verteidigungskunden zu Ihrem Kerngeschäft gehören oder gehören sollen. In diesen Lieferketten ist das Zertifikat in aller Regel Voraussetzung für die Lieferantenfreigabe. Ohne Zertifikat kommen Sie nicht auf die Anfrageliste, unabhängig davon, wie gut Sie fertigen.

Sie lohnt sich außerdem, wenn Sie langlebige Produkte mit vielen Änderungsständen betreuen. Das geforderte Konfigurationsmanagement ist auch außerhalb der Luftfahrt nützlich, weil es die klassische Frage beantwortet, welche Zeichnungsrevision in einer vor sieben Jahren ausgelieferten Baugruppe verbaut ist.

Sie lohnt sich nicht, wenn Luftfahrt bei Ihnen ein Nebenschauplatz ist. Der laufende Aufwand entsteht nicht im Audit, sondern täglich: Konfigurationsstände pflegen, Erstmuster dokumentieren, Sonderprozesse und deren Personal qualifiziert halten, Kennzahlen an Kunden melden. Wer damit zwei Prozent seines Umsatzes absichert, zahlt in Aufmerksamkeit deutlich mehr, als er einnimmt.

Sie ersetzt auch nichts. Für Sonderprozesse verlangen viele Hersteller zusätzlich eine Nadcap-Akkreditierung. Für Instandhaltung gilt das Luftrecht mit eigenen Betriebsgenehmigungen. EN 9100 ist die Basis, nicht die vollständige Eintrittskarte.

Der Weg zum Zertifikat — was hier anders läuft

Der grundsätzliche Ablauf entspricht anderen Managementsystem-Zertifizierungen: Antrag, Vorbereitung, Auditphasen, Bearbeitung der Feststellungen, Zertifizierungsentscheidung. Drei Besonderheiten des Luftfahrtschemas sollten Sie aber von Anfang an einplanen.

Der Auditorenmarkt ist klein. Auditoren für EN 9100 durchlaufen eine eigene Zulassung mit Prüfung und laufender Überwachung. Es gibt deutlich weniger davon als für ISO 9001. Termine liegen entsprechend weiter in der Zukunft, gerade zum Jahresende. Wer eine Kundenfrist einhalten muss, meldet früher an, als es sich anfühlt.

Die Auditmethodik ist vorgeschrieben. Der Auditor bewertet nicht, ob ein Prozess dokumentiert ist, sondern ob er seine Ziele erreicht — belegt an Kennzahlen und an konkreten Aufträgen. Eine Verfahrensanweisung ohne Wirksamkeitsnachweis führt zu einer Feststellung, auch wenn formal alles vorhanden ist.

Ergebnisse werden veröffentlicht. Zertifikat, Geltungsbereich und Status stehen in der Branchendatenbank. Kunden prüfen dort. Das betrifft auch die unangenehmen Fälle: Ein ausgesetztes Zertifikat ist sichtbar, bevor Sie Gelegenheit haben, es zu erklären.

Für die Auswahl der Stelle gelten dieselben Grundsätze wie sonst — sie muss akkreditiert und für Ihren Bereich zugelassen sein. Wie Sie das prüfen, steht unter Akkreditierung und im Beitrag dazu, wie Sie die richtige Zertifizierungsstelle auswählen.

Woran Projekte scheitern

Die Feststellungen bei Erstzertifizierungen ähneln sich stark. Sie entstehen fast nie aus Nachlässigkeit, sondern daraus, dass ein bestehendes ISO-9001-System für ausreichend gehalten wurde.

Erstmusterprüfung unvollständig. Ein Prüfbericht mit den kritischen Maßen liegt vor, aber nicht jedes Merkmal der Zeichnung ist erfasst und nummeriert. Oder es fehlt der Nachweis für zugekaufte Teile innerhalb der Baugruppe.

Erstmuster nach Änderung nicht wiederholt. Werkzeug erneuert, Fertigung an einen anderen Standort verlagert, Lieferant für ein Halbzeug gewechselt — und die Erstmusterprüfung blieb auf dem alten Stand.

Konfigurationsmanagement existiert nur als Dokument. Es gibt eine Anweisung, aber in der Fertigung liegt eine ältere Zeichnungsrevision aus. Diese Feststellung wird regelmäßig als schwerwiegend eingestuft.

Besondere Merkmale nicht durchgereicht. Der Kunde hat Merkmale als kritisch gekennzeichnet, im Arbeitsplan und im Prüfplan tauchen sie aber nicht gesondert auf.

Fälschungsvermeidung als Absichtserklärung. Eine Richtlinie ist vorhanden, aber bei Beschaffungen aus dem Broker-Markt fehlen Herkunftsnachweise oder Eingangsprüfungen.

Sonderprozesse ohne aktuelle Qualifikation. Die Verfahrensqualifikation ist abgelaufen, oder die Bedienerqualifikation deckt den tatsächlich gefertigten Bereich nicht ab.

Ursachenanalyse ohne menschliche Faktoren. Als Ursache steht „Mitarbeiterfehler” im Bericht, ohne Betrachtung von Arbeitsumgebung, Schichtlage, Anweisungsqualität oder Unterbrechungen. Der Standard verlangt genau diese Betrachtung.

Kennzahlen ohne Konsequenz. Termintreue und Fehlerquote werden erhoben, aber Verfehlungen führen zu keiner dokumentierten Maßnahme.

Wenn Sie eine Feststellung für sachlich falsch halten, gibt es dafür einen geordneten Weg — beschrieben unter wie Sie sich gegen eine Auditfeststellung wehren. In der Luftfahrt gilt dabei mehr als anderswo: Die Fristen für die Bearbeitung sind kurz und werden nicht aus Kulanz verlängert. Wer im Audit Feststellungen bekommt, braucht sofort Kapazität, nicht in vier Wochen.

Abgrenzung zu verwandten Standards

StandardFür wenVerhältnis zu EN 9100
ISO 9001Alle BranchenVollständig in EN 9100 enthalten, aber ohne Luftfahrtforderungen und ohne Branchenschema
EN 9110InstandhaltungsbetriebeEigener Standard derselben Familie, nicht durch EN 9100 abgedeckt
EN 9120Händler und Lagerhalter ohne FertigungEigener Standard; Mischbetriebe brauchen unter Umständen beide
NadcapSonderprozesse wie Wärmebehandlung, ZfP, OberflächenZusätzliche Verfahrensakkreditierung, kein Ersatz und kein Bestandteil
IATF 16949Automobil-SerienlieferantenVergleichbare Logik, anderes Schema; Zertifikate sind nicht gegenseitig anrechenbar
ISO 3834SchweißbetriebeRegelt die Schweißtechnik im Detail; wird in der Luftfahrt eher durch kundeneigene Schweißfreigaben ersetzt
ISO 14001 und ISO 45001Umwelt und ArbeitssicherheitAndere Themen, häufig im selben Verfahren mitzertifiziert

Betriebe mit Automobil- und Luftfahrtkunden fragen regelmäßig, ob sich IATF 16949 und EN 9100 zusammenlegen lassen. Die Managementsystem-Basis überschneidet sich, die Schemata aber nicht: unterschiedliche Auditorenzulassungen, unterschiedliche Regelwerke, unterschiedliche Datenbanken. Praktisch bedeutet das zwei Verfahren mit gemeinsamem Unterbau — nicht ein Verfahren mit zwei Zertifikaten.

Häufige Fragen zu EN 9100

Was ist der Unterschied zwischen EN 9100 und AS9100?

Inhaltlich nichts. Es ist derselbe Standard, veröffentlicht unter drei regionalen Bezeichnungen: EN 9100 in Europa, AS9100 in Nord- und Südamerika, JISQ 9100 in Japan. Herausgeber der gemeinsamen Inhalte ist die International Aerospace Quality Group. Ein europäisches EN-9100-Zertifikat wird von amerikanischen Kunden anerkannt, weil beide im selben Schema geführt werden.

Brauche ich zusätzlich ein ISO-9001-Zertifikat?

Inhaltlich nicht, denn EN 9100 enthält die ISO 9001 im Wortlaut und ergänzt sie. Ein separates Zertifikat lohnt sich nur, wenn Sie auch Kunden außerhalb der Luftfahrt beliefern, die ausdrücklich ISO 9001 verlangen und mit dem EN-Zertifikat nichts anfangen können. Beide lassen sich in einem Verfahren erlangen.

Wofür sind EN 9110 und EN 9120 gedacht?

Für andere Rollen in derselben Lieferkette. EN 9110 gilt für Instandhaltungsbetriebe, EN 9120 für Händler und Lagerhalter, die Teile weiterverkaufen, ohne sie zu verändern. Wer fertigt oder entwickelt, braucht EN 9100. Betriebe mit mehreren Rollen — etwa Fertigung plus Handelsware — brauchen unter Umständen zwei Zertifikate.

Deckt EN 9100 auch Sonderprozesse wie Wärmebehandlung ab?

Nur die Steuerung, nicht die Verfahrensqualifikation selbst. Für Sonderprozesse wie Wärmebehandlung, zerstörungsfreie Prüfung, Oberflächenbehandlung oder Schweißen verlangen viele Kunden zusätzlich eine Nadcap-Akkreditierung. Das ist ein eigenes Verfahren mit eigenen Auditoren und wird durch EN 9100 nicht ersetzt.

Was ist OASIS und warum ist das wichtig?

OASIS ist die Datenbank des Luftfahrt-Zertifizierungsschemas. Dort werden Zertifikate, Geltungsbereiche und der Status von Verfahren geführt. Kunden nutzen sie, um Lieferantenangaben zu prüfen. Anders als bei ISO 9001 ist Ihr Zertifikatsstatus damit für die Branche einsehbar — auch ein Aussetzen oder Entziehen.

Ab welcher Größe lohnt sich EN 9100?

Die Größe ist selten das Kriterium, der Kunde ist es. Auch Betriebe mit zehn Beschäftigten brauchen das Zertifikat, wenn ihr einziger Luftfahrtkunde es als Freigabevoraussetzung führt. Umgekehrt lohnt es sich für einen großen Zulieferer nicht, der Luftfahrtteile nur gelegentlich und ohne Serienfreigabe fertigt.

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