VDA 6.x

VDA 6.x — Audits nach VDA-Regelwerk

VDA 6.3 und VDA 6.5 sind Auditmethoden, keine zertifizierbaren Normen — ein Unternehmenszertifikat gibt es dafür nicht. Was Ihre Kunden verlangen, ist ein Auditergebnis, erstellt von einem nachweislich qualifizierten Auditor.

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Entwicklungsbüro eines Automobilzulieferers

VDA 6.x steht für die Auditbände des Verbands der Automobilindustrie. Gemeint sind damit im Alltag drei davon: VDA 6.1 als Qualitätsmanagementnorm für Serienlieferanten, VDA 6.3 als Methode für Prozessaudits und VDA 6.5 als Methode für Produktaudits. Daneben existieren VDA 6.2 für Dienstleistungen und VDA 6.4 für Hersteller von Produktionsmitteln.

Der wichtigste Punkt vorweg, weil er der häufigste Irrtum ist: Für VDA 6.3 und VDA 6.5 gibt es kein Zertifikat. Beide Bände beschreiben, wie auditiert und bewertet wird. Sie sind Werkzeuge, keine Zertifizierungsgrundlage. Es existiert kein Akkreditierungsverfahren, in dem eine Stelle Ihrem Unternehmen ein VDA-6.3-Zertifikat ausstellen könnte, und kein Register, in dem ein solches Zertifikat geführt würde.

Was es stattdessen gibt, ist dreierlei: erstens eine personenbezogene Qualifikation, die Auditoren nach Schulung und Prüfung erwerben. Zweitens Auditberichte mit einem Erfüllungsgrad und einer Einstufung, die Sie Ihren Kunden vorlegen. Drittens die Anerkennung durch den Kunden selbst — er entscheidet, wie lange ein Ergebnis für ihn gilt und ob er es überhaupt akzeptiert. Wenn ein Einkäufer nach „VDA 6.3” fragt, meint er praktisch immer: ein Auditbericht, erstellt von einem qualifizierten Auditor, mit einem Ergebnis, das über einer Schwelle liegt.

VDA 6.1 ist der Sonderfall. Der Band ist eine echte, zertifizierbare Systemnorm — nur hat er seine Rolle an die IATF 16949 verloren. Wer heute in der Serienlieferkette zertifiziert sein muss, wird nach IATF zertifiziert. VDA 6.1 begegnet einem noch als Auditgrundlage bei Lieferanten außerhalb der IATF-Pflicht.

Wie ein Prozessaudit nach VDA 6.3 aufgebaut ist

Das Regelwerk gliedert den Lebenszyklus eines Auftrags in Abschnitte. Jeder Abschnitt hat einen festen Fragenkatalog, jede Frage wird einzeln bewertet.

AbschnittWas bewertet wird
PotenzialanalyseEigenständige Vorabprüfung vor der Vergabe: Kann der Lieferant das Vorhaben überhaupt leisten?
ProjektmanagementProjektorganisation, Ressourcen, Termin- und Reifegradverfolgung, Eskalation bei Abweichungen
Planung der Produkt- und ProzessentwicklungMachbarkeit, Anforderungsklärung, Planung von Fertigung, Prüfung und Kapazität
Realisierung der Produkt- und ProzessentwicklungUmsetzung der Planung bis zur Serienfreigabe, Absicherung durch Erprobung und Bemusterung
LieferantenmanagementAuswahl, Freigabe, Überwachung und Entwicklung der eigenen Unterlieferanten
Prozessanalyse ProduktionDer Schwerpunkt: Prozessinput, Prozessführung, Personal, Betriebsmittel, Materialfluss und Fehlerabstellung — jeweils am laufenden Prozess
Kundenbetreuung und ZufriedenheitBetreuung nach Serienstart, Reklamationsbearbeitung, Feldausfälle, Servicefälle

Der Abschnitt zur Produktion wird für jeden auditierten Fertigungsprozess getrennt bewertet. Wer fünf Prozessschritte zeigt, bekommt fünf Bewertungen — der schwächste zieht das Gesamtergebnis nach unten. Genau dort trennt sich ein ernsthaftes Audit von einem Papierdurchgang: Der Auditor steht an der Maschine, lässt sich den Auftrag zeigen, prüft die Vorgabedokumente am Arbeitsplatz und die letzten Nacharbeitsfälle.

Bewertet wird je Frage auf einer Punkteskala, aus der ein prozentualer Erfüllungsgrad entsteht. Daraus folgt die Einstufung: A für erfüllt, B für teilweise erfüllt, C für nicht erfüllt. Über den reinen Prozentwert legen sich Abwertungsregeln — eine einzelne mit null bewertete Frage kann die Einstufung unabhängig vom Gesamtwert herunterziehen. Das ist beabsichtigt: Ein Betrieb mit hervorragender Planung und ungesteuerter Fertigung soll kein A bekommen.

VDA 6.5: das Produktaudit

VDA 6.5 betrachtet nicht den Prozess, sondern das Ergebnis — und zwar aus der Sicht des Kunden. Ein fertiges Teil wird aus der Serie entnommen und vollständig gegen die Kundenanforderungen geprüft: Maße, Funktion, Werkstoff, Oberfläche, aber auch Kennzeichnung, Verpackung, Begleitdokumente und Konservierung. Geprüft wird, was der Kunde erhalten würde, nicht was die Zeichnung an dieser Stelle vorgibt.

Auch hier gibt es kein Zertifikat. Verlangt wird ein Produktauditplan mit festgelegter Häufigkeit, qualifizierte Produktauditoren und die Ableitung von Maßnahmen aus den Befunden. Die IATF 16949 fordert Produktaudits, überlässt die Methode aber dem Unternehmen — VDA 6.5 ist die im deutschen Raum gebräuchliche Antwort darauf.

Für wen die Bände relevant sind — und für wen nicht

Relevant sind sie, wenn deutsche Hersteller oder deren Systemlieferanten zu Ihren Kunden gehören. In diesen Lieferketten sind Prozessaudits nach VDA 6.3 fester Bestandteil von Lieferantenfreigabe, Serienanlauf und Eskalation. Bei einer Eskalationsstufe ordnet der Kunde regelmäßig ein Prozessaudit an, oft mit eigenem Auditor und ohne Terminspielraum.

Relevant sind sie außerdem als interne Methode. Wer nach IATF 16949 zertifiziert ist, muss Prozessaudits durchführen. VDA 6.3 dafür zu nutzen, spart doppelte Arbeit, weil dieselbe Systematik auch im Kundenaudit angewendet wird.

Nicht relevant sind sie, wenn Sie außerhalb der Automobilkette liefern. Die Fragenkataloge setzen Serienfertigung, Bemusterung und Projektlogik der Branche voraus. Für einen Einzelfertiger im Maschinenbau ist der Aufwand hoch und der Erkenntnisgewinn gering — dort führen ein ordentliches internes Auditprogramm nach ISO 9001 und produktbezogene Prüfpläne weiter.

Nicht relevant sind sie auch als Marketingargument. Weil es kein Zertifikat gibt, gibt es nichts zu veröffentlichen. Ein guter Erfüllungsgrad ist ein Argument gegenüber einem Einkäufer, kein Aushängeschild.

Was statt eines Zertifikats nachweisbar ist

Wenn ein Kunde einen Nachweis verlangt, sind drei Dinge belastbar:

Der Auditbericht selbst. Vollständig mit Fragenkatalog, Einzelbewertungen, Erfüllungsgrad, Einstufung, Feststellungen und Maßnahmenplan mit Terminen und Verantwortlichen. Ein Bericht ohne Maßnahmenverfolgung wird zurückgewiesen.

Die Qualifikation der Auditoren. Der Nachweis ist personenbezogen und befristet. Kunden fragen ihn an, bevor sie ein internes Auditergebnis anerkennen.

Das IATF-16949-Zertifikat. Es ist der einzige akkreditierte, im Register nachprüfbare Nachweis in diesem Umfeld. Wer ein Zertifikat vorlegen muss, legt dieses vor.

Der Weg dorthin unterscheidet sich grundlegend. Ein VDA-6.3-Audit beauftragen Sie entweder intern oder bei einem Dienstleister mit qualifizierten Auditoren; eine Akkreditierung ist dafür nicht vorgesehen und kann folglich auch nicht geprüft werden. Sie prüfen stattdessen die Person: Qualifikationsnachweis, Gültigkeit, Branchenerfahrung.

Bei der IATF-Zertifizierung gilt das Gegenteil. Dort ist die Stelle entscheidend, sie muss akkreditiert und für Ihren Bereich zugelassen sein. Wie Sie das nachprüfen, steht unter Akkreditierung, die Auswahlkriterien unter Zertifizierungsstelle. Rechnen Sie damit, dass ein Kunde beides sehen will: das Zertifikat als formalen Nachweis und ein aktuelles Prozessauditergebnis für den konkreten Fertigungsprozess, den er beauftragt hat.

Woran VDA-Audits scheitern

Der Auditor ist nicht qualifiziert. Ein erfahrener Qualitätsleiter führt das Audit durch, ohne die geforderte Qualifikation. Der Kunde erkennt das Ergebnis nicht an, das Audit wird wiederholt.

Der Fragenkatalog wird abgearbeitet statt der Prozess auditiert. Das Audit findet im Besprechungsraum statt, Belege werden vorgelegt. Ohne Beobachtung am Arbeitsplatz fehlt die Grundlage für die Bewertung der Prozessführung.

Nicht zutreffende Fragen werden weggelassen statt begründet. Jede nicht bewertete Frage braucht eine dokumentierte Begründung. Fehlt sie, ist der Erfüllungsgrad rechnerisch nicht haltbar.

Abwertungsregeln werden ignoriert. Der Bericht weist einen hohen Prozentwert und eine A-Einstufung aus, obwohl eine Einzelbewertung die Abwertung ausgelöst hätte. Das fällt spätestens auf, wenn der Kunde nachrechnet.

Kundenspezifische Anforderungen fehlen im Umfang. Der Auditor prüft das VDA-Regelwerk, aber nicht die kundenspezifischen Anforderungen, die vertraglich gelten. Das Ergebnis ist für den Kunden dann wertlos.

Maßnahmen ohne Wirksamkeitsprüfung. Zu jeder Feststellung existiert eine Maßnahme, aber niemand hat nach Umsetzung geprüft, ob der Fehler weg ist. Im Wiederholungsaudit steht dieselbe Feststellung erneut im Bericht.

Prozessaudits decken nicht alle Prozesse ab. Über den Dreijahreszeitraum bleiben Fertigungsprozesse, Schichten oder Standorte unauditiert. Das ist eine Feststellung im IATF-Audit, nicht im VDA-Audit — trifft aber denselben Betrieb.

Die Potenzialanalyse wird wie ein Serienaudit geführt. Bewertet wird ein Standort, der das Produkt noch gar nicht fertigt, anhand von Fragen zur laufenden Produktion. Das Ergebnis ist rechnerisch schlecht und sachlich ohne Aussage. Die Potenzialanalyse hat einen eigenen Fragenkatalog, und der ist zu verwenden.

Unterlieferanten bleiben außen vor. Der auditierte Prozess enthält zugekaufte Teile oder verlängerte Werkbänke, die nie bewertet wurden. Der Abschnitt zum Lieferantenmanagement wird dann formal beantwortet, ohne dass ein einziger Unterlieferant belegbar überwacht wird.

Abgrenzung zu verwandten Regelwerken

RegelwerkWas es istZertifizierbar
IATF 16949Qualitätsmanagementnorm für Serien- und ErsatzteilproduktionJa, akkreditiert und im Register nachprüfbar
VDA 6.1Systemnorm für Serienlieferanten, Vorläufer der heutigen PraxisFormal ja, praktisch von IATF 16949 abgelöst
VDA 6.2Systemnorm für Dienstleistungen in der AutomobilindustrieFormal ja, geringe Verbreitung
VDA 6.3Methode für Prozessaudits, inklusive PotenzialanalyseNein — nur Auditoren werden qualifiziert
VDA 6.4Systemnorm für Hersteller von ProduktionsmittelnFormal ja, Nischenanwendung
VDA 6.5Methode für Produktaudits aus KundensichtNein — nur Auditoren werden qualifiziert
Core ToolsMethodenbaukasten aus APQP, PPAP, FMEA, MSA und SPCNein, Methoden ohne eigenes Zertifikat
TISAXPrüfung der Informationssicherheit nach VDA ISAKein Zertifikat, aber ein Label mit Gültigkeit

Die Verwechslung von VDA 6.3 und IATF 16949 ist so verbreitet, dass sie regelmäßig in Ausschreibungen landet. Beide kommen aus derselben Branche, verfolgen aber unterschiedliche Zwecke: Die IATF-Norm beschreibt, was ein Managementsystem können muss, und wird von einer akkreditierten Stelle zertifiziert. VDA 6.3 beschreibt, wie man einen einzelnen Prozess prüft, und liefert eine Momentaufnahme. Wer beides braucht, braucht ein Zertifikat und ein Auditergebnis — nicht zweimal dasselbe.

Häufige Fragen zu VDA 6.x

Kann man sich nach VDA 6.3 zertifizieren lassen?

Nein. VDA 6.3 beschreibt, wie ein Prozessaudit durchgeführt und bewertet wird. Es gibt dafür kein Unternehmenszertifikat und keine akkreditierte Zertifizierung. Was es gibt: eine personenbezogene Qualifikation als VDA-6.3-Auditor und Auditberichte mit einem Erfüllungsgrad. Wer Ihnen ein „VDA-6.3-Zertifikat“ für Ihr Unternehmen anbietet, verkauft etwas, das im Regelwerk nicht vorgesehen ist.

Was ist dann mit VDA 6.1?

VDA 6.1 ist historisch eine zertifizierbare Qualitätsmanagementnorm für Serienlieferanten und war vor der ISO/TS 16949 der deutsche Standard. Diese Rolle hat sie verloren. Kunden verlangen heute IATF 16949; eine VDA-6.1-Zertifizierung wird kaum noch nachgefragt und von vielen Stellen nicht mehr angeboten. Als Auditgrundlage taucht der Band gelegentlich noch bei Lieferanten auf, die nicht IATF-pflichtig sind.

Wer darf ein VDA-6.3-Audit durchführen?

Nur Personen mit nachgewiesener Qualifikation. Verlangt sind technische Ausbildung, mehrjährige Berufserfahrung im Umfeld der Automobilindustrie, Kenntnis der Core Tools und der IATF 16949 sowie eine bestandene Prüfung. Die Qualifikation ist befristet und muss durch Weiterbildung und nachgewiesene Audittätigkeit erneuert werden. Ein Audit durch einen nicht qualifizierten Auditor erkennt der Kunde nicht an.

Was bedeutet die Einstufung A, B oder C?

Sie fasst den Gesamterfüllungsgrad des Audits zusammen. A steht für einen Prozess, der die Anforderungen erfüllt, B für teilweise Erfüllung mit Handlungsbedarf, C für nicht erfüllt. Zusätzlich gibt es Abwertungsregeln: Bestimmte Einzelbewertungen ziehen die Gesamteinstufung herunter, auch wenn der rechnerische Erfüllungsgrad höher liegt. Kunden knüpfen daran Freigaben und Eskalationen.

Wann verlangt ein Kunde eine Potenzialanalyse?

Vor der Vergabe, wenn Sie noch kein Lieferant sind oder ein neues Produkt an einem neuen Standort fertigen sollen. Die Potenzialanalyse ist ein eigenständiger Teil des Regelwerks und bewertet, ob Sie das Vorhaben überhaupt stemmen können. Ein schlechtes Ergebnis kostet die Nominierung, noch bevor über Preise gesprochen wird.

Ersetzt ein VDA-6.3-Audit das interne Audit nach IATF 16949?

Teilweise. Die IATF 16949 verlangt Prozessaudits, schreibt aber keine Methode vor. Viele Unternehmen nutzen VDA 6.3 dafür, weil ihre Kunden es ohnehin anwenden. Damit das anerkannt wird, muss der Umfang stimmen: Das interne Auditprogramm muss alle Fertigungsprozesse über drei Jahre abdecken, ein einzelnes Kundenaudit reicht dafür nicht.

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