Die Präanalytik ist der Teil des Laborprozesses, den das Labor am wenigsten kontrolliert und der die Ergebnisse am stärksten beeinflusst. Sie beginnt bei der Frage, welche Untersuchung überhaupt angefordert wird, und endet, wenn die aufbereitete Probe im Analysengerät steht. Dazwischen liegen Patientenvorbereitung, Identifikation, Entnahme, Kennzeichnung, Transport, Annahme und Zentrifugation — und in genau diesem Abschnitt entsteht der größte Teil aller fehlerhaften Befunde.
Warum der Fehler hier so schwer auffällt
Ein Gerätefehler zeigt sich in der Kontrollprobe. Ein präanalytischer Fehler nicht. Die Messung ist technisch einwandfrei, das Gerät bestätigt sich selbst, und der falsche Wert sieht aus wie ein echter Befund. Nur wenn er unplausibel ist, fällt er auf.
Deshalb arbeiten Laboratorien mit Indizes und Annahmekriterien statt mit Vertrauen. Hämolyse, Ikterus und Lipämie werden photometrisch erfasst und je Parameter mit Grenzen hinterlegt. Proben mit falscher Röhrchenart, unzureichender Füllung, fehlender oder unleserlicher Kennzeichnung werden abgewiesen. Diese Ablehnungen sind unbeliebt und trotzdem der wirksamste Qualitätsmechanismus im gesamten Prozess.
Die Klassiker, die jeder Laborleiter kennt
Zu den wiederkehrenden Fehlern gehören: Blutentnahme aus dem Arm, in dem eine Infusion läuft — die Elektrolyte spiegeln dann die Infusionslösung. Zu lange Stauung mit Muskelpumpen, was Kalium und zellgebundene Parameter anhebt. Verschleppung aus dem EDTA-Röhrchen in ein nachfolgendes Röhrchen, erkennbar an hohem Kalium bei gleichzeitig niedrigem Calcium — ein Muster, das direkt auf die falsche Entnahmereihenfolge zeigt.
Beim Citratröhrchen für die Gerinnung entscheidet die Füllhöhe. Das Mischungsverhältnis zwischen Citratlösung und Blut ist fest vorgegeben; ein unterfülltes Röhrchen verschiebt es und verlängert die Gerinnungszeiten scheinbar. Das ist der Grund für die Markierung am Röhrchen, und es ist der Grund, warum ein knapp gefülltes Röhrchen abgelehnt wird, obwohl „genug drin ist“.
Die Verwechslung, die am gefährlichsten ist
Nicht der Messfehler, sondern die Probenverwechslung. Ein technisch perfekter Befund am falschen Patienten ist der schwerste vorstellbare Laborfehler, weil er nirgends auffällt — die Werte sind in sich stimmig. Dagegen hilft nur die Identifikation am Patientenbett, nicht die Etikettierung im Stationszimmer. Vorbeschriftete Röhrchen sind der häufigste Auslöser.
Die Anforderung ist Teil der Präanalytik
Auch die Auswahl der Untersuchung gehört dazu. Wird ein Parameter angefordert, der die klinische Frage nicht beantwortet, ist der Befund korrekt und trotzdem nutzlos. Laboratorien wirken darauf über Anforderungsprofile, hinterlegte Doppelanforderungssperren und die fachliche Beratung des Anforderers ein. Diese Beratungsleistung ist ein prüfbarer Bestandteil des Systems und nicht bloß Service — sie muss beschrieben sein und von qualifiziertem Personal erbracht werden.
Was das für das Managementsystem bedeutet
Präanalytik ist im akkreditierten Labor kein Nebenschauplatz, sondern prüfbarer Bestandteil des Systems. Begutachter sehen sich Entnahmeanweisungen, Schulungsnachweise für externe Entnehmende, Ablehnungsstatistiken und deren Auswertung an. Eine Ablehnungsquote von null ist dabei kein gutes Zeichen, sondern ein Hinweis darauf, dass die Kriterien nicht angewendet werden.
Welche Untersuchungen unter Akkreditierung erbracht werden dürfen, steht im Akkreditierungsumfang; die anschließenden Schritte beschreibt der Eintrag Postanalytik. Einordnungen für Einrichtungen im Gesundheitswesen finden Sie unter Branche Gesundheitswesen und Branche Labore.
