Die Serienfreigabe ist die Zustimmung des Kunden, dass Sie ein Teil aus der Serienfertigung liefern dürfen. Geprüft wird dabei nicht das einzelne Muster, sondern der Prozess: Kann er dieses Teil dauerhaft in der geforderten Qualität erzeugen? Das Muster ist nur der Beleg dafür.
Zwei Regelwerke, dieselbe Frage
In der Praxis begegnen Ihnen zwei Systematiken. Nordamerikanisch geprägte Hersteller arbeiten mit dem PPAP-Verfahren der AIAG, deutsche Hersteller mit dem Produktionsprozess- und Produktfreigabeverfahren nach VDA-Band 2. Beide verlangen ein Vorlagepaket aus Zeichnungsstand, Messergebnissen, Prozessfließbild, FMEA, Produktionslenkungsplan, Fähigkeitsnachweisen, Werkstoff- und Funktionsprüfungen sowie einem Deckblatt, mit dem der Lieferant die Übereinstimmung erklärt.
PPAP kennt fünf Vorlagestufen. Stufe 3 ist der Regelfall, wenn der Kunde nichts anderes vorgibt; die anderen Stufen verschieben nur, welche Unterlagen Sie einreichen und welche Sie im Werk bereithalten. Die häufigste Fehlannahme dabei: Eine niedrigere Vorlagestufe bedeutet weniger Aufwand. Sie bedeutet weniger Papier beim Kunden. Vorhanden sein muss alles.
Serienbedingungen sind wörtlich gemeint
Die Teile müssen aus dem Serienwerkzeug, von der Serienanlage, am Serienstandort, mit Serienpersonal und im Serientakt entstanden sein. Teile aus einem Vorserienwerkzeug oder von einem Musterbau erfüllen die Anforderung nicht, auch wenn sie maßhaltig sind. Die AIAG-Systematik verlangt zusätzlich einen aussagefähigen Produktionslauf: ein bis acht Stunden Fertigung und mindestens 300 aufeinanderfolgende Teile, sofern der Kunde nichts anderes festlegt. Der Zweck dieser Zahl ist nicht Statistik um ihrer selbst willen, sondern Streuung sichtbar zu machen, die an fünf handverlesenen Teilen niemals auffällt.
Wann die Freigabe neu fällig wird
Auslöser sind Konstruktionsänderungen, neue oder umgebaute Werkzeuge, die Verlagerung der Fertigung an einen anderen Standort, ein Wechsel des Werkstoffs oder des Lieferanten für ein freigaberelevantes Zukaufteil, geänderte Prüfmethoden und längere Produktionsunterbrechungen. Die AIAG-Systematik setzt für die Unterbrechung zwölf Monate an.
Der Auslöser, der am zuverlässigsten übersehen wird, ist der Unterlieferant. Wenn Ihr Vorlieferant seine Fertigung verlagert oder sein Werkzeug ersetzt, ändert sich in Ihrem Werk sichtbar nichts — die Freigabekette bricht trotzdem. Deshalb prüfen Auditoren im Umfeld von IATF 16949 regelmäßig, ob Änderungsmeldepflichten in den Rahmenverträgen mit Ihren eigenen Lieferanten verankert sind.
Woran es in der Praxis scheitert
Am häufigsten an der Freigabe unter Vorbehalt. Der Kunde erteilt sie befristet und an Bedingungen geknüpft, weil ein Fähigkeitsnachweis fehlt oder eine Abweichung noch offen ist. Danach läuft die Serie an, alle sind zufrieden, und der Vorbehalt verschwindet in einer Mailanlage. Jahre später liefert das Werk ein sicherheitsrelevantes Teil auf einer abgelaufenen Ausnahmegenehmigung. Wer die Rolle des Produktsicherheitsbeauftragten ernst nimmt, führt deshalb eine Liste offener Vorbehalte mit Fälligkeitsdatum.
Der zweite Klassiker ist die Trennung von Freigabeakte und Änderungsmanagement. Solange beide in verschiedenen Systemen liegen, entscheidet der Zufall darüber, ob eine Änderung als freigabepflichtig erkannt wird. Welche Nachweise die Branche darüber hinaus verlangt, ordnet die Übersicht zur Automobilindustrie ein.
